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Förderverein des TiM Theater
Vorschau
Was bedeutet das TiM-Theater?

Tja, am Anfang sollte es nur eine Abwechslung sein. Ich arbeitete an der MMS in den Bereichen Früherziehung, Grundausbildung, Akkordeon, Blockflöte und von mir gegründete Orff-Spielkreise. Aus Spaß hatte ich 1979 „Die Heinzelmännchen von Köln“ von Ulrich Kabitz inszeniert. Als Kulisse benutzten wir einen Nachbau des Altmarktes, der vorher auf der Niederrheinschau gestanden hatte und im Keller des Wilhelm-Schröder-Bades lagerte.

Im Nachhinein war das die Geburt des TiM-Theaters. Ort des Geschehens war die Kapelle an der Rheinberger Straße. Die ersten Aufführungen fanden in der Aula des Adolfinums statt.

Allerdings hatte ich kein fertiges Konzept, da meine Theaterarbeit in dieser Zeit an verschiedenen Orten außerhalb der MMS stattfand. In Moers wollte ich ohnehin maximal 5 Jahre bleiben.
Unmerklich nahm das Ganze dann weiter Formen an. Ein Stück folgte dem anderen.
Mit „Ali Baba und die 40 Räuber“ erregten wir 1980 erstmals größeres öffentliches Interesse und bekamen Einladungen von Schulen. Und so spielten wir die ersten Schulvorstellungen im vollbesetzten Rheinkamper Kulturzentrum.

1983 zog die Musikschule in den Martinstift ein und somit wurde der Kammermusiksaal zu unserer ersten bis auf weiters festen Bühne.

1984  gab es keinen Zweifel, das Theater war zu einer Institution mit einem festen Ensemble geworden. Jetzt fehlte nur noch ein Name.

Kommissar Zufall half wie so oft. Für 3 Monate lag ein Weltenbummler in Mülheim mit seinem Segelschiff vor Anker. Ich hatte ihn kennengelernt und oh Wunder, sein ursprünglicher Beruf war Grafiker.
Er entwarf unser Logo und überließ es uns für 100 DM.

Nun hatte das Kind seinen Namen inklusive Logo. TiMM-Theater. Theater in der Moerser Musikschule.

Unmerklich änderte sich für mich die Bedeutung des TiMM-Theaters. Es wurde allmählich zu meinem zentralen Mittelpunkt. TiMM war wie ein Kleinkind, um das sich alles dreht.

Da die meisten SchauspielerInnen keine Anstalten machten aufzuhören, und zugleich immer wieder neue SpielerInnen hinzukamen, konnten wir in den folgenden Jahren anspruchsvolle Stücke mit großer Besetzung herausbringen.
Zum festen Bestand einer TiMM-Inszenierung gehört von Beginn an die Musik, die bis heute eine wichtige Rolle spielt. Mit der Zeit wurden Bühnenmusiken von kleineren Besetzungen bis hin zum Sinfonieorchester präsentiert. Meist war die Musik „Eigenbau“, denn seit 1980 verfügen wir mit Heinz Witte über einen eigenen Haus- und Hofkomponisten.

1988 erlebte ich zum ersten Mal einen Generationsumbruch größeren Ausmaßes.
Das Aufhören langjähriger SchauspielerInnen und der Zugang neuer, teils unerfahrener Mitglieder forderte Umstrukturierungen, die sowohl den Spielbetrieb als auch die Stückauswahl betraf.
Kurzfristig gebeutelt begriff ich es als Herausforderung, weiter zu machen.

Bis heute ist es so, dass die SchauspielerInnen, die sich und ihre bisherigen Lebenserfahrungen ins Theater einbringen, auch Einfluss auf die Stückauswahl haben.

So spiegelt das Gesicht des Theaters immer auch die Veränderungen in der Gesellschaft wider. Schon längst waren wir nicht mehr nur Lieferanten für Märchenstücke, sondern präsentierten auch gesellschaftliche, zeitnahe Themen, die auch politisch Brisantes nicht umgingen.
Unvergesslich ist für uns die Performance „Krieg und Frieden“, die wir aus Anlass des ersten Golfkrieges veranstalteten.
Unvergesslich aber bleibt uns auch „Geheime Freunde“. Dieses Stück schlug Wellen bis in extremistische Kreise. Wir bekamen Drohbriefe aus der rechten Szene. Die Staatsanwaltschaft war eingeschaltet. Wir hatten die Grenzen eines reinen Kindertheaters überschritten.
Aus dieser Zeit stammt unser bis heute gültiges Motto: Wer nichts tut, darf sich über Missstände nicht beschweren.

Und so machte ich weiter. Gestärkt durch die Hoffnung, etwas bewegen zu können und getragen von dem Engagement der jungen Mitglieder.

Viel für den Zusammenhalt des Ensembles leisteten außerdem die Herbstausflüge zum Schullandheim in Udenbreth in der Eifel. Dort bereiteten wir nicht nur 10 Jahre lang die bevorstehende Herbstpremiere vor, sondern stärkten auch den Teamgeist durch Geselligkeit und Gedankenaustausch.

Durch den Teamgeist beflügelt, machten wir ständig mehr. Mehr Stücke, mehr Aufführungen – immer am Puls der Zeit.
Das hatte allerdings zur Folge, dass zunehmend Termin- und Raumprobleme mit dem Betrieb MMS entstanden.
Und so probten und spielten wir vermehrt in der Volksschule.

1995 entstand die bis heute wunderbare fruchtbare Zusammenarbeit mit der Zentralbibliothek. Lesungen in verschiedenen Formen: Kinderaktionslesungen, Krimi-Matinees, Gruselnächte, Kinderkrimis und mehr entstanden als zusätzlicher Bereich des TiM-Theaters.
Viele Einladungen innerhalb und außerhalb der Stadtgrenzen machten schnell deutlich, dass die Lesungen vom Geheimtipp rasch zum Renner wurden.

Immer wieder hatten wir uns darüber unterhalten, wie es wäre in einem eigenen Theater zu arbeiten, eigene Ideen umsetzen zu können.

1998 war es dann soweit. Der Umzug ins eigene Theater in der Geschwister-Scholl-Gesamtschule ging von statten. Der damalige Schulleiter Dr. Mielke hatte uns seine Aula als festen Spielort zur Verfügung gestellt. Was lange Traum war, sollte nun Realität werden. Verwaltungsmäßig gehörten wir nun zum Kulturamt der Stadt Moers. Aus TiMM wurde TiM = Theater in Moers.

An der neuen Spielstätte kam auch der schon erwähnte Teamgeist wieder zur Geltung. In unermüdlicher Arbeit brachten wir Saal, Foyer, Vorbereitungs- und Regieraum auf das heutige Niveau.
In der Spielplangestaltung mussten wir auf niemanden Rücksicht nehmen. – Oder doch?
Was war mit uns selbst?  
Ich hatte zu dem Zeitpunkt nur einen einzigen Blickwinkel und der hieß TiM-Theater. Das TiM-Theater bedeutete mein Leben. Darüber hinaus gab es nichts.

Zwei Merkmale sind dem TiM-Theater geblieben: Die langjährige Mitgliedschaft der jeweiligen „Alten“ oder „Großen“ und der ständige Zugang der Neuen; die Altersspanne reicht inzwischen von 8 bis ca. 30 Jahre.

Um den Interessen der verschiedenen Altersgruppen entgegen zu kommen, hatte ich mich irgendwann entschlossen, die gesamte Truppe in Gruppen zu teilen. Weniger Arbeit bedeutete das nicht, denn nun liefen auch verschiedene Stücke parallel. Dadurch hatten aber die Neuen früher als bisher die Gelegenheit, in Nachwuchsinszenierungen mit geeigneten Stücken ihr Talent zu erproben.

Den (fast) Erwachsenen bot diese neue Struktur die Möglichkeit, mit Kabarett und politischen bzw. gesellschaftlichen Zeitstücken Theater für ihre eigene Altersgruppe zu machen. Das erweiterte den Themenkreis der Stücke, aber auch der Radius des Publikums erfasste nun Menschen jeden Alters und jeder Bildung.

Zeitstücke, vor allem solche gegen Gewalt und Ausgrenzung, stellen nach wie vor einen Schwerpunkt dar, denn unser Wahlspruch „Wer nichts tut, darf sich über Missstände nicht beschweren“ gilt den meisten SchauspielerInnen mehr als nur zur Publicity.

In unserer Zeit ist es fast verwunderlich, wenn etwas im Leben junger Menschen so lange und nachhaltig vorhanden ist.
Manch einem fiel es schwer, sich bei seinem Abschied vom Theater ab zu nabeln, so wie man sich von seiner Familie trennt, um eigene Wege zu gehen. Einige jedoch behalten innere Verbindung und Kontakt zu diesem für sie wichtigen Lebensabschnitt.

Was hat sich in all den Jahren geändert. Sicher vieles, aber manches ist auch gleich geblieben. Geändert hat sich das Tempo, die Kurzfristigkeit und Schnelllebigkeit, geändert hat sich auch der technische Aufwand. Gleich geblieben sind dagegen die kindliche Unvoreingenommenheit und der Tatendrang, Neues zu gestalten. Geblieben ist im Theater auch die Bandbreite der menschlichen Entwicklung vom Kleinkind über die Pubertät bis hin zum Erwachsenwerden. Speziell sind immer die Kinder. Wenn sie erwachsen werden, muss man sie gehen lassen und wieder von vorne anfangen.

Immer ist das Theater so, wie es ist. Über Generationen.

2004 feierten wir unser 25jähriges Jubiläum. Es war ein rauschendes Fest.
Das Kind TiM-Theater ist erwachsen, kann es auf eigenen Beinen stehen?

Und ich? Was bedeutet es für mich? Zum ersten Mal merke ich, dass ich müde bin.
Wie geht es weiter? Wieviel Kraft habe ich noch?

2006 steige ich für einige Zeit aus. Das Kind TiM-Theater ist groß. Mein inneres Kind ist krank.
2007 komme ich gestärkt zurück. Es hat wieder mal Veränderungen gegeben.
Das TiM-Theater gehört jetzt zum Schlosstheater.

2009 Wir feiern unser 30jähriges Jubiläum. Wer hätte das gedacht. Es war ein gigantisches rauschendes Fest, dass alles Bisherige in den Schatten gestellt hat.

Und wie ging es weiter? Wir waren wieder inmitten eines Generationswechsels. Dieses Mal sollte es der letzte Wechsel sein. Die B-Ensembles übernahmen das Ruder, dass ihnen von den „Großen“ übergeben wurde. Sie machten es sehr gut.
Es war vielversprechend.
Das B-Ensemble wurde zur Säule des TiM-Theaters. Alle freuen sich schon auf die neue Rolle.

Doch oftmals kommt es anders als man denkt. Das Ende naht.

Mein Bedürfnis nach Veränderung ist groß. Mein Kind TiM ist schon längst erwachsen. Kinder muss man ziehen lassen. Meine innere Stimme hat mir längst gesagt: meine Arbeit ist hier erledigt.

Ich suche neue Herausforderungen, frei von eingefahrenen Strukturen, frei und autonom. Ich werde nach Baden-Würtemberg ziehen und dort mit meiner Freundin ein MuT-Zentrum gründen. Es wird ein Musik- und Theaterzentrum mit Schwerpunkt Prävention sein.

Es wird etwas Neues sein – doch die Basis ist und bleibt das TiM-Theater, das ich geprägt habe und das mich ebenso geprägt hat.

Oft schon hatte ich überlegt, wie schafft man einen gescheiten Abgang.
Ich denke es ist der richtige Zeitpunkt. Es gibt eine Zeit des Aufbaus, die viel Kraft braucht. Dann die Zeit, den sogenannten Standard zu halten. Die braucht nicht weniger Kraft und Kampf.

Ich bin sehr dankbar, dass ich den Zeitpunkt des Abschieds selbst bestimmen konnte und wie heißt es: wenn´s am schönsten ist, soll man aufhören.

Es war mir ein persönliches Anliegen, meinen Abschied leise ausklingen zu lassen, denn ich habe mit dem TiM-Theater auch leise begonnen.

Der Kreis schließt sich.

Vor 33 Jahren habe ich in der Moerser Musikschule begonnen.

Ich bin sehr dankbar, meine Arbeit hier beenden zu dürfen.

Vor 31 Jahren habe ich das TiM-Theater (damals TiMM)
in der Moerser Musikschule gegründet.
Das TiM-Theater zeichnete sich immer dadurch aus,

mit Wenig auszukommen und doch das Maximum zu erzielen.
Mit der letzten Inszenierung „Der Froschkönig“ kehren wir an den Anfang zurück.

Das TiM-Theater war immer ein sehr persönlicher Ort,
an dem Kinder und Jugendliche sich verwirklichen und entfalten konnten
und vielfach geborgen fühlten.

Ich danke allen TiM-Mitgliedern für die oftmals lange Zeit,
die ich sie auf ihrem Weg begleiten durfte.

In jedem Ende liegt ein neuer Anfang.


An der Stelle danke ich allen, die das TiM-Theater und mich immer unterstützt haben.
Ich wünsche allen TiM-Mitgliedern und uns allen, dass wir achtsam mit uns sind, einen wertschätzenden Umgang mit unserer Umwelt und den Mitmenschen haben und mit Freude den eigenen Weg gehen können.

Ihre Karin Derks

„Alle Veränderungen, sogar die meist ersehnten, haben ihre Melancholie. 

Denn was wir hinter uns lassen, ist ein Teil unserer selbst.
Wir müssen einem Leben Lebewohl sagen,

bevor wir in ein anderes eintreten können."
(
Jacques François Anatole Thibault, frz. Dichter)